8.07.10
Was gibt es Besseres als den Krieg zu verraten?
Ludwig Baumann und Hans Rubinich, der ihn den Zuhörern in einem einleitenden Vortrag vorstellte
Ludwig Baumann stellt sich den zahlreichen Fragen der Schülerinnen und Schüler
Hoch konzentriert verfolgen die Zuhörer den Vortrag

Ludwig Baumann und Hans Rubinich, der ihn den Zuhörern in einem einleitenden Vortrag vorstellte

Ludwig Baumann und Hans Rubinich, der ihn den Zuhörern in einem einleitenden Vortrag vorstellte
Ludwig Baumann stellt sich den zahlreichen Fragen der Schülerinnen und Schüler
Hoch konzentriert verfolgen die Zuhörer den Vortrag

Ludwig Baumann stellt sich den zahlreichen Fragen der Schülerinnen und Schüler

Ludwig Baumann und Hans Rubinich, der ihn den Zuhörern in einem einleitenden Vortrag vorstellte
Ludwig Baumann stellt sich den zahlreichen Fragen der Schülerinnen und Schüler
Hoch konzentriert verfolgen die Zuhörer den Vortrag

Hoch konzentriert verfolgen die Zuhörer den Vortrag

Der Deserteur Ludwig Baumann zu Gast am Burggymnasium

Es ist als könnte man die berühmte Stecknadel fallen hören. In der rappelvollen Aula drängen sich Schüler und Lehrer. So als wäre hoher Staatsbesuch eingeladen. Dabei sitzt vorne am Pult nur ein älterer Mann mit Brille, zurückgekämmten Haar, aber mit sehr wachen Augen. Es ist Ludwig Baumann. Im Zweiten Weltkrieg desertierte er, wollte bei Hitlers Krieg nicht mehr mitmachen. Nun erzählt er seine Geschichte.

Seit einiger Zeit sorgt Ludwig Baumann für Schlagzeilen. Die großen Gazetten schreiben über ihn. Bei Kerner ist er kürzlich aufgetreten und im Rundfunk wird über ihn berichtet. Das Wichtigste aber: Wo er heute hinkommt, ist er willkommen. Auch hier in Friedberg. Das sah früher ganz anders aus. Nach dem Krieg fand er kein Zuhause im neuen Deutschland, Menschen, die Widerstand leisteten, waren erst mal nicht willkommen.

Nun ist er von Bremen angereist. Schulleiter Dr. Lothar Korger stimmte sofort zu, als die Lehrer Thomas Berlenbach und Hans Rubinich vorschlugen, ihn einzuladen.

Ludwig Baumann ist 19 Jahre alt, als er 1940 zur Marine eingezogen wird. Er ist keiner, der begeistert in den Krieg zieht. Schon der Hitlerjugend hat er sich verweigert. 1942 kommt der gebürtige Hamburger nach Frankreich, wo er einer Hafenkompanie in Bordeaux zugewiesen wird. Ludwig Baumann will nicht töten, will nicht schuldig werden, sondern einfach nur leben. Gemeinsam mit seinem Freund Kurt Oldenburg plant er die Flucht, zunächst ins unbesetzte Frankreich, dann über Marokko irgendwie in die USA. Doch dazu kommt es nicht. Er wird aufgegriffen und zum Tode verurteilt. Seine französischen Freunde, die ihm bei der Flucht halfen, wird er nie verraten.

„Ich war 10 Monate in der Todeszelle, Tag und Nacht an Händen und Füßen gefesselt“, sagt er leise, „es war so ein Grauen gewesen und es verfolgt mich bis heute traumatisch".

Ludwig Baumann ist einer von 30 000 sogenannten Wehrkraftzersetzern, Kriegsverrätern und Deserteuren, die im „Dritten Reich“ und den besetzten Gebieten zum Tode verurteilt werden. Jeden Tag, wenn er erwacht und die Zellentür geöffnet wird, schließt er mit seinem Leben ab. Er weiß nicht, wann er hingerichtet werden soll. Nur auf Intervention durch einen Geschäftsfreund seines Vaters wird er schließlich nach vielen Monaten qualvoller Todesangst begnadigt.

Ludwig Baumann kommt mit dem Leben davon: 12 Jahre Zuchthaus lautet nun das Urteil. Zunächst wird er ins Emsland, ins KZ Esterwegen gebracht, danach ins sächsische Wehrmachtsgefängnis nach Torgau. Viele sterben dort an den Haftbedingungen und der Folter. Mehr als 1000 Todesurteile werden hier vollstreckt. „Im Wallgraben bei den Erschießungen waren wir manchmal auch dabei. Und wenn wir dann Arbeitszeug wechselten, bekamen wir manchmal Jacken an, die hatten vorne einen kleinen Flicken, hinten einen großen Flicken, dann wussten wir, da war jemand drin erschossen worden. Und die, die dies alles überlebten wurden noch an der zusammenbrechenden Ostfront eingesetzt. Fast keiner hat überlebt, auch mein Freund Kurt nicht.“

Die Justizopfer des Nationalsozialismus, die den Krieg überleben, haben im Nachkriegs-Deutschland einen eher schweren Stand. Das muss auch der wegen Desertion zum Tode verurteilte Ludwig Baumann erleben. Wie andere auch, wird er als Vaterlandsverräter beschimpft, „bis wir uns selber wieder schuldig gefühlt haben. Wir hatten überhaupt keine Verbündeten, fast alle sind vorbestraft, entwürdigt verstorben. In meinem Urteil steht z.B. drin: Das schimpflichste Verbrechen, das der Soldat begehen kann, ist Fahnenflucht. Das muss man sich mal vorstellen, also Mord, das alles ist nicht so schlimm.“

Ludwig Baumann ist am Ende, fängt an zu trinken. Er geht nach Bremen, findet kaum eine Arbeit, denn er gilt weiter als vorbestraft. Schließlich schlägt er sich als Handelsvertreter durch. Das politische Klima im Adenauer-Deutschland ist weit davon entfernt, das widerständige Verhalten von Deserteuren oder Kriegsverrätern zu würdigen. Noch Anfang der sechziger Jahre hält jeder vierte Deutsche Stauffenberg und seine Offiziere für Verräter. Sophie Scholl und die anderen Mitglieder der Gruppe „Die weiße Rose“ werden erst 1985 rehabilitiert – die Deserteure nicht.

Ludwig Baumanns Leben ändert sich, als seine Frau bei der Geburt des sechsten Kindes stirbt. Da steht er da, als alleinerziehender Vater und übernimmt nun Verantwortung für seine Kinder. Und er setzt sich ein für andere NS-Opfer, gründet mit „36 alten Männern und Frauen die Bundesvereinigung Opfer der NS-Militärjustiz“ und engagiert sich in der Friedensbewegung . Sein Kampf ist erfolgreich. 2002 rehabilitiert der Deutsche Bundestag die Deserteure des Zweiten Weltkriegs und vergangenes Jahr werden auch die Urteile gegen sogenannte Kriegsverräter aufgehoben. „Von meinen 88 Jahren“, so Ludwig Baumann rückblickend „habe ich die letzten 15 Jahre vielleicht wirklich gelebt.“

Die Schüler sind bewegt, wollen mehr wissen. Ludwig Baumann geht auf alles ein. Erzählt von seinen Aktionen und wie er für den Frieden wirbt. So habe er im Bremer Bahnhof junge Soldaten angesprochen, sie aufmerksam gemacht, es sei nach Grundgesetz auch möglich, den Wehrdienst zu verweigern. Das habe für Unruhe gesorgt. Die Offiziere beschwerten sich bei der Bahnpolizei. „Ich bekam dann Bahnhofsverbot“, sagt er. Natürlich habe er dagegen geklagt, und Recht bekommen.

Wie er zu den Auslandseinsätzen der Bundeswehr stehe, wollen einige Schüler wissen. „Was haben wir in Afghanistan zu suchen?“, fragt er. „Warum töten wir andere Menschen?“ Und: „Was kann man denn Besseres tun, auch heute, als den Krieg zu verraten? Ich denke Kriegsverrat ist eine Friedenstat.“

2 ½ Stunden später. Die Schülerinnen und Schüler sind wirklich ergriffen und klatschen lange Beifall. Einige stehen auf, gehen dann auf ihn zu, drücken ihren Dank aus. Ludwig Baumann lächelt. „Es hat mir bei euch gut gefallen“, sagt er. „Ich bin gerne bei euch gewesen.“ Und wir hatten das Glück, dich bei uns zu haben. Danke, Ludwig!