Paul Brodowsky: Koffer (2002) (Fortführung)
Ihre Koffer sind gepackt. Ich liege auf dem Boden zwischen Hartschalen, Hemden und Hosenbeinen. Als ich sie zum ersten Mal besuchte, fielen mir die Wände auf, leer, keine Möbel, zwei vertrocknete Rosmarinsträucher auf dem Fensterbrett. Ich lief weiter ins Zimmer und stieß mir den Fuß an einer Schnalle, Das sind die Koffer, sagte sie.
Jedes Mal bleiben die Koffer, jedes Mal treffe ich sie in einem anderen Raum, einmal war das Zimmer voller Sonnenblumen, ein andermal lagen acht Birnen neben der Tür. Die Koffer kenne ich inzwischen gut, die Hosenbeine und Unterhemden. Ich kann nicht behaupten, ich hätte eine Abneigung gegen Koffer, ich habe mir Preise sagen lassen. Ich liege auf dem Boden zwischen Hartschalen, das Licht der Straßenbahn spiegelt sich in der Glühbirne, ich vermute, der Koffer links ist meiner.
Fortsetzung Koffer (2011), von Laura Prendota Inspiration: Lukas Lackinger
Sie aber sitzt auf der Fensterbank, ihre langen, neongrün getönten Haare unordentlich zu einem langen, ausgefransten Zopf geflochten. Und doch ist sie wunderschön. Wenn sie gedankenverloren hinaus starrt, ihre Augen glänzen, sobald sie eine Straßenbahn erblickt. „Janina. Wie geht es dir?“, frage ich, nur um etwas zu sagen. „Ich weiß nicht…“, flüstert sie die Fensterscheibe an, sodass wie durch einen Atemhauch ein zarter Fleck auf dem Glas entsteht. Sie beginnt zu erklären: „Ich habe Angst, dass es sein könnte, dass alles nichts ist. Aber dann wäre das Nichts auch nichts. Das ist bedrückend, verstehst du?“„Ja.“, lüge ich, „Aber glaub mir, es ist nicht alles nichts, du brauchst keine Angst zu haben!“ Aber sie schweigt, spielt mit ihren grünen Haaren und rutscht schließlich vom Fensterbrett zurück in den Raum. Sie schnappt sich ihren Teddy; Ron heißt er. 21 Jahre alt, so alt wie sie, dementsprechend sieht er auch aus. Sie starrt ihn in ihren Händen an, klappt dann einen Hartschalenkoffer vor mir auf und setzt sich im Schneidersitz vor mich in eine Hälfte. „Und was, wenn doch?“, ihre Stimme zittert. „Dann…“, was soll ich sagen? „Was aber, wenn nichts nicht nur nichts ist, sondern in Wirklichkeit alles? Wenn wir es einfach nicht sehen können, es aber das einzig Wahre ist, das Wichtigste…?“, frage ich stattdessen zurück. Sie starrt meine Augen direkt an, durchbohrt mich mit ihrem Blick. Ich kenne ihn, weiß, dass er keine Provokation darstellen soll. Sie denkt einfach auf diese, ihre Weise nach. Und plötzlich weiten sich ihre Augen, ihr gesamter Körper zittert, sie beginnt, unabsichtlich Rons sowieso schon halb zerfetztes Bein auseinanderzunehmen. „Janina? Was ist los?“, frage ich, meine Stimme überschlägt sich vor Sorge. Ich möchte ihr beruhigend meine Hand auf die Schulter legen, aber sie weicht verstört zurück. Wirft Ron hinter sich in die andere Kofferhälfte und greift nach einem herumliegenden Hosenbein. „Janina! Bitte sag doch was!“ „Sein, was man ist,“, beginnt sie flüsternd und aufgebracht, eine Träne rollt ihre Wange herunter, „ist das zu sein, was verlangt ist.“ Verlangt? Was ist denn bitte von ihr verlangt? Ihre Stimme wird lauter, aufgeregter. Durch das Weinen fängt eine unpassend verwendete Filzstiftfarbe an, sich von ihren Wimpern zu lösen, es entstehen schwarze Flecken unter ihren Augen. „Doch nicht verlangt zu sein“, schreit sie auf einmal, „ist doch kein Dasein!“ Laut hörbar schluchzt sie, beginnt zu wimmern und zu weinen, während sie wie ein erzürntes Kind ihrem Teddy den Kopf abreißt. Sie zuckt am ganzen Körper, Schaum tröpfelt aus ihrem Mund, läuft unkontrolliert am Kinn herunter.
Es ist ein Anfall. Anfall!
Ich kenne die Besuchervorschriften. Schiebe den Spiegel zur Seite, drücke fest auf den roten Notknopf. Nehme das Telefon ab, welches nur für die Direktion verwendet werden kann. „Hilfe, ein Notfall! Zimmer 212!“, brülle ich in den Hörer und lege auf. Kenne mich nicht aus. Was soll ich tun?! Doch, wenige Augenblicke später stürmen bereits einige Krankenschwestern rein. Würdigen mich keines Blickes. Und dann nehmen sie mein Mädchen einfach aus dem Zimmer raus, herüber, zum nebenstehenden Krankenhaus. Ich weiß nicht, wohin mit mir, betrachte einfach das Zimmer und merke, wie sinnlos es ist. Alles in diesem Raum ist nichts. Dabei ist nichts nichts, da das alles hier da ist. Die Hosenbeine auf dem Boden. In vielen verschiedene Farben, Designs, Längen und Breiten. Ron mit seinem zerfetzten Bein, welches noch locker an ihm baumelt. Sein Kopf, der zwischen den beiden Hartkofferhälften eingeklemmt ist. In dem Koffer, in jenem sie gerade noch gesessen hatte. Geredet hatte. Mich abwesend angestarrt hatte.
Einsam bin ich hier, in der Ecke des bereits fünften Zimmers, welches sie belegt hat. Ich stehe herum, weiß nicht, was ich hier eigentlich noch mache. Wieso ich nicht hinterherrenne, schreie, brülle, vor Panik, Angst, Sorge. Aber nein, ich verweile hier, ruhig, atme gleichmäßig und lasse meinen Blick durch den Raum schweifen. Doch erst jetzt merke ich, dass an jeder Stelle, wo ich nur hinsehe, zwischen all dem nutzlosen Zeug ein Koffer liegt.
Zwischen all dem, was nichts ist.
Botho Strauß, „Der Arglose“ (Fortführung)
Botho Strauß, „Der Arglose“
Ich kenne die Geschichte eines Mannes, der zum Othello wurde und seine Frau ermorden wollte - zwanzig Jahre nach einer Affäre, die sie angeblich mit seinem besten Freund gehabt hatte. Er entdeckte Indizien für ihre Untreue erst im Nachlass seines Freundes, den er nicht mehr zur Rede stellen konnte. Der Gedanke ließ ihn nicht mehr los, dass seine Frau, die er unverbrüchlich liebte, ihn zwanzig Jahre in dieser elenden Täuschung eingesperrt hatte. In Wahrheit aber konnte er den Gedanken an seine Arglosigkeit nicht ertragen. Den Gedanken, dass sie ihn in seiner Arglosigkeit zwanzig Jahre lang still beobachtet, wenn nicht gar bemitleidet hatte. Sein Mangel an Argwohn brachte ihn nachträglich zur Raserei.
Fortsetzung zu Botho Strauß, „Der Arglose“ von Adel Anwar
Wutentbrannt lief er ziellos durch die düsteren Straßen der Großstadt, bis er sein Spiegelbild im Fenster einer trostlosen Kneipe widerfand. Er betrat die Kneipe, um sämtlichen Kummer herunter zu spülen. Am fast leeren Tresen ließ er sich nieder und sah sich um. Überall sah er Menschen, welche ihn mit einem kalten und verspottenden Blick ansahen, als ob sie wüssten, welche Schmach er erleiden musste. Der Mann bestellte sich einen Tequila nach dem anderen. Er starrte einige Minuten in ein leeres Glas, bis er beschloss die Kneipe zu verlassen. Während des Aufstehens bat er um eine weitere Flasche Wodka und taumelte nach Hause. Ohne nachzudenken, lief er in die Küche, griff nach dem Fleischmesser und ging ins Schlafzimmer. Der Mann blieb einige Zeit vor seiner schlafenden Frau stehen und betrachtete ihr Gesicht.
Sein Kopf tat weh und seine Knochen wollten nicht gehorchen. Er konnte sich nur noch dunkel an die letzte Nacht erinnern. Die Kneipe, die Wodkaflasche und das Messer. Der Mann blickte nach rechts und erschrak. Neben ihm lag seine mit Blut überströmte Frau. Der leblose Körper ließ ihm Tränen über die Wange gleiten und brachte ihn gleichzeitig zum Lachen. Nie mehr der Arglose, doch einsam zugleich.
A one-shot impression
by Jessica Fabiano
“Gee! Can you see that?! I’ve been waiting for this…for…for…ages!
Hey, do you hear me? Kite?! Are you sleeping?! Wake up for God’s sake! We’re almost here! The statue looks like a peanut yet but we’re coming closer!”
Seriously. How can he sleep at this time? We are sailing into our dream. The American dream becomes ours. Well, mine at least since that idiot next to me decided to fall asleep.
He’ll regret that, won’t he?
I can see the statue getting sharper and sharper with each move we take towards it.
The excitement is simply overwhelming. A sudden feeling of happiness rushes and thrills through my body, sending shivers down my spine. I can feel my hands are getting colder and colder until I have the feeling they are made of ice. I froze at the spot.
“Ki….te…..wa..wake…wake up…please” I stuttered and croaked while shuddering, my voice as tiny and as thin as possible. I couldn’t even explain to myself why I felt this way. Was it unpleasant? Yet, I didn’t know. I couldn’t know. I gulped and nudged my friend with my elbow.
”Kite! Wak – “
“Mhmm…what is it?” he grumbled a little drowsily.
”Why don’t you take a good look?”
“What are you talking about?!” he raised his head, stretching his neck a bit, only one eye opened.
“TAKE A GOD DAMN LOOK!”
“Relax damnit! We can’t be here alrea – Holy mother of…” his eyes widened when he saw what I was pointing at with a smirk plastered on my face. About time he saw it.
“Whoa…am I dreaming?” he asked, rubbing his eyes to make sure it wasn’t just a dream, then he brushed a small strand of hair, that was tangling in his face, behind his ear only to have a clear view.
”No, you are not. It’s real. Trust me” I snickered a bit and tousled through my friend’s hair who just smiled sheepishly in his own moment of amazement while I sat down next to him.
For what I know. For what I’ve heard. America had the reputation for being the land “of the free”. An eternal hoop of chances.
And I could feel anything related to that. Anything related to what people had been telling us about it. Just by closing my eyes and taking in the scent of the fresh air.
”I’m so excited!” I shot my eyes up and joggled his shirt as I whimpered and chirped at the same time while I let go of his cloth only to grab his hand and squeeze it tightly. I could see him reacting to this since his face contorted in pain – obviously unable to bear my emotions.
“Oh really?! I couldn’t tell…” he blinked at me from the corner of his ice blue eyes and sighed with a wry sound hidden in between the few words he spoke. Even though he seemed to remain his calm stance, I knew he was going through the same turmoil as I was. Being quite sure of that fact, I let go of his hand just to make sure he wouldn’t claw me back -then our eyes widened once more as the statue got lightly bigger whereas our hearts seemed to have a racing competition.
How high was the likelihood of people having a heart attack at this moment? How big was the probability for those people being unable to ever see the city in its full glory? The statue was still far away. Measuring its size with my index finger and thumb, I’d say our eyes could only catch the size of ten, maybe twelve centimetres.
Clammy air swept and tangled around us, lifting up our black hair while its strands were dancing in the damp wind, the mist slowly getting slightly thicker until its cold layer was fully covering us.
We instantly whined and wailed when we realized we couldn’t see anything of the statue anymore.
The mist had been completely blocking our sight.
“What a drag” Kite sighed and pouted, crossing his arms while I shrugged.
“Can’t help it, can we? Hey, tell me. I was wondering about a little something”
”About what, troublesome?”
”Well…you see. What’s the most important thing you expect from this city?”
”Couldn’t I ask you the same question?” he huffed and raised an eyebrow.
”Sure, but I was asking you before!”
”Ladies first, right?!” he chuckled a bit as I tilted my head back and sighed, then ran my fingers through my hair and shook my head in refusal of how right he was.
I was expecting this land to give me what I was looking for: Same rights - same duties.
”I’m wishing for equal opportunities” I answered his question and looked at him to analyze his reaction, seeing his face furrowing in a frown, then my gaze met the corners of his mouth just to see them twitch into a soft smile.
”Well what did you think of?” I raised my head a bit to look clearly at him, not dropping my question. He looked at me and then paused a bit, resting his crossed arms on his knees that were pulled up to his stomach, lightly rocking forward and backwards with his feet.
”I’m hoping for better career opportunities. I don’t want to land in a dead-end job” he stopped rocking, resting his head on his crossed arms and looked at me, seeing me nod.
He was right. After all, we got taught that dreams wouldn’t ever be proved wrong. People like us, the scum of society. Sailing into a country where they had been shouting out “From rags to riches”.
Well... If we are no rags, then there are none.
I still looked at him, reading his face.
“The American Dream…the American Dream…can you feel it?” he asked with a husky voice and nodded with an acknowledging smile at the picture he could see in front of him, leaning his head against mine.
And that was the moment when I also turned from his face towards what he had seen, my eyes slowly ungluing from him.
It seemed as if it happened in slow motion – my heart began to nearly kick my chest when I saw what the mist revealed with its disappearance: suddenly showing the statue, letting us examine it in its full view – being unbelievingly huge and overwhelming.
My eyes slowly filled with an odd liquid. Tears. A few streamed down my face as we closed our eyes to deepen that emotional condition; knowing that the past was now behind. And the future in front.
Welcome. Welcome to eternity…
Un malentendu
von Sven Langer
zum Hintergrund:
Der Text eines Telegramms lautet: Mutter verstorben - Beerdigung morgen - mfg.
(Es handelt sich um das Telegramm, welches der Protagonist aus Albert Camus' Etranger
zu Beginn der Geschichte erhält und in dem ihm der Tod der Mutter mitgeteilt wird)
Sven hat daraus eine lustige Geschichte gemacht, die den Titel Ein Missverständnis trägt.
Er lässt einen von einem Virus befallenen Computer Wörter verschlucken, so dass aus der ursprünglich eher harmlosen diese tragische Mitteilung über den Tod der Mutter wird.
Un malentendu
Susanne est une femme adulte. Elle a vingt-sept ans et vit au centre de la France. Chaque mois elle rend visite à sa meilleure amie Stella à Paris. C’est pratique, parce que son petit frère Gustave habite dans la banlieue de Paris. Normalement elle passe d’abord chez Stella et après chez son frère.
Aujourd’hui Susanne fait le trajet à Paris. Quand elle arrive à la maison de sa copine, elle voit une très triste Stella qui pleure. « Qu’est-ce qui s’est passé ? » elle demande tout de suite. Stella répond que sa mère est décédée il y a une semaine et que l’enterrement est le lendemain. Susanne décide de rester chez Stella et écrit un email à Gustave. Elle écrit :
Cher Gustave,
Je ne peux pas te rendre visite aujourd’hui, parce que la mère de Stella est décédée. L’enterrement aura lieu demain. Je viendrai te voir après demain. En ce moment j’ai le sentiment de pleurer.
Sentiments distingués
Ta sœur Susanne
Elle ne sait pas que le PC de Stella a un virus qui avale beaucoup de mots. C’est pourquoi Gustave est très choqué quand il lit le email. Voilà le email que Gustave reçoit :
mère décédée enterrement demain Sentiments distingués
„Irrungen, Wirrungen“ im Jahre 2008
verfasst von Ousman, Aylin, Roman und Vickas
Kapitel 1-3:
Am Ende der Zeil, schräg gegenüber von Mc' Donalds und zwischen C&A und dem kleinem Sparkassenhäuschen, welches heute kaum noch in Benutzung ist, weil die Automaten schon seit Anfang Januar nicht mehr recht funktionieren, erstreckt sich die U-Bahn Station der Konstablerwache, welche nur zwei Stationen von der Muster-schule, einer mäßig angesehenen Schule in Frankfurt am Main entfernt ist. Seit Gründung dieser Gesamtschule wird einem spätestens bei genauerem Betrachten der Pausen deutlich, dass sich hier die verschiedenstens Kulturen, Religionen und, man mag schon fast sagen, Klassen aufinden lassen. Man findet Reiche, man findet Arme, man sieht asiatische, man sieht euchopäische Kinder. Bei noch genauerem Betrachten erkennt man auch eine grobe Differenzierung von verschiedenen Nationen und Gruppen. So sieht man beispielsweise die arabischen und türkischen Kinder in der Caféteria gegenüber vom Lehrerzimmer. Während sich die Kinder wohlhabenderer Eltern lieber in den Klassenräumen aufhalten und sich über das Wochenende unterhalten oder versuchen, die Konkurrenz mit Diskussionen über das Auto des Vaters auszuschalten, spielen die Kinder aus einfacheren Verhältnissen lieber draußen auf dem Schulhof.
Eine solche Ausnahme ist auch Laurice, ein euphorischer und optimistisch denken-der junger Mann, der die 9. Klasse besucht und aufgrund des frühen Todes seiner Mutter von der Großmutter aufgezogen wurde. Den Vater lernte er nie kennen, Oma Lise pflegt immer zu sagen: "Männer sind ja doch alle gleich, versprechen dir das Blaue vom Himmel und lassen dann doch die Sterne fallen und die Last hast du zu tragen".
Jeden Mittag um 13:15 nimmt Laurice die U-5 Richtung Preungesheim, steigt an der dritten Station aus und hat noch gute 400 Meter zu laufen, bis er an dem alten Schreibwarenladen seiner Großeltern ankommt. Der Schreibwarenladen ist kein besonders großes Unternehmen, aber eines mit gutem Ruf und Tradition. Der Großvater von Laurice hatte ihn mit 19 Jahren von seinem Vater übernommen und seitdem immer gepflegt und über Wasser gehalten, als er 1949 Elise, heute nur noch als Oma Lise bekannt, heiratete. Seitdem arbeiteten sie gemeinsam in dem Laden.
Bereits vier Jahre später im Juni starb Großvater im jungen Alter von 26 Jahren bei einem Verkehrsunfall und seitdem arbeitet Oma Lise mit ihren 76 Jahren, die sie sich nur ungern anmerken lässt, alleine in dem Laden.
An manchen Nachmittagen benutzt Laurice auch das Fahrrad seines Nachbarn Daniel. "Fahr heute mit dem Fahrrad, der Kühlschrank hat einen leeren Magen," sagte Oma Lise dann am Morgen. Laurice versteht nicht immer, was sie sagt, aber er weiß immer, dass es richtig ist.
Im Juli gibt es Zeugnisse. Dieses Jahr will Laurice die Schule mit einem Hauptschulabschluss verlassen, nicht aus Wissensmangel oder Faulheit, Laurice ist zweifelsohne der beste Schüler seines Jahrgang und wäre problemlos "Ein Kopf im Business" geworden, wie Herr Tilman, sein Klassenlehrer immer zu sagen pflegt.
Aber Laurice hat andere Pläne. Die Theater -AG am Nachmittag befriedigt seinen Drang nach Aufmerksamkeit und Rampenlicht nicht mehr, er ist festen Willens an der Goethe-Universität Schauspiel studieren.
Andere Schüler, die ihr Abitur absolvieren und danach von den Eltern das Studium finanziert bekommen, machen sich lustig über ihn und stellen ihn als "der ohne Abi Student" ins Lächerliche.
Aber davon lässt sich der optimistische Laurice nicht beeinflussen. Angespornt von den Worten der Zustimmung und dem Vertrauen seiner Großmutter in sein Talent und der Überzeugung von sich selbst, verlässt Laurice also nach der 9. Klasse die Schule und macht sich auf zur Goethe-Universität.
Wie längst erwartet, findet er dort keine große Zustimmung und auch keine Aner-kennung für sein Talent und wird schnell abgewiesen. In der U-Bahn Richtung Stadtmitte schwirren ihm immernoch die Worte des Direktors im Kopf. „Nicht ernst zu nehmender Assi" nannte ihn dieser. Gekränkt, aber trotzdem noch ehrgeizig, will er sein Glück nun auf der Straße versuchen und imitiert Shakespeare. Drei Nach-mittage vergehen, an denen seine Aufenthalte zu Hause nur sehr kurz sind. "Muss noch en bisschen was klar machen", unterbricht er Großmutter immer wieder, wenn diese ihn auffordert zum Essen zu bleiben.
Kapitel 4-5:
Am vierten Nachmittag finden seine Worte das erste Mal den Weg in das Ohr eines Interessenten. Die bereits ihr Abiturientin Meona, welche bereits ein Stipendium hat, hört ihm mit Eifer zu und lächelt an Stellen, an denen er besonderes Charisma zeigt.
Laurice unterbricht und lächelt zurück.
"Kenn ich noch aus der 12.", sagt Meona.
"Wie ? Was meinsten?" antwortet Laurice.
"Na, 'Romeo und Julia', das war doch eben die Balkonszene, haben wir kurz vorm Abi ewig durchgekaut", erzählt Meona mit gerunzelter Stirn.
Die beiden verstehen sich auf Anhieb gut und trotz der äußeren Umstände und dem Altersunterschied zeigen beide großes Interesse für einander. Zum ersten Mal wird Laurice nicht auf seinen Schulabschluss reduziert, im Gegenteil, Meona möchte ständig mehr von seinen Plänen und Zielen wissen und ist ganz fasziniert von seiner Entschlossenheit. Nachdem sie Laurice eine Weile zugehört hat, fährt sie in ihrem BMW Cabrio nach Hause. "Leute wie wir fahren nicht mit der Bahn", sagt ihr Vater immer.
Von diesem Tag an besucht ihn Meona jeden Nachmittag, außer donnerstags, da schreibt sie ihm eine SMS, in der dann meistens Dinge stehen wie "möchte deine schöne Stimme wieder hören" oder "freue mich dich Morgen zu sehen".
Nach Ankunft dieser SMS ist aus Laurice' Sicht sein Werk für den jeweiligen Tag getan, er fühlt sich so, als seien seine Vorträge nur noch für Meonas Ohren und niemand anderen mehr bestimmt.
Die beiden verbringen den ganzen Sommer zusammen und verlieben sich rasch, die Zeit vergeht und im Dezember überrascht Meona Laurice auf dem Weihnachtsmarkt, wo dieser wieder vorspielt und inzw', gesteht Laurice ihre Liebe und schenkt ihm einen Verlobungsring. Dieser weiß nicht recht zu reagieren und flüstert ihr nur zu: "Lass uns 'was Chilliges machen, vielleicht in einer Bar was trinken?" Meona willigt ein.
Laurice gesteht Meona, dass er sich dessen bewusst ist, dass eine Verlobung von Meonas Eltern, den Verwandten und dem Umfeld nicht toleriert würde. Er weiß sehr wohl von Meonas Chancen auf ein Stipendium und weiß inzwischen auch, dass Meonas Eltern gegen Laurice sind und schon mit Rauswurf gedroht haben.
"Arbeitsloser Gammler" nannten sie ihn, als sie ihn einmal vor der Zeilgalerie sprechen hörten. Meona lässt das alles völlig kalt, von Liebe geblendet ist sie entschlossen diese Konsequenzen zu tragen.
Nachdem Meonas Eltern, eine angesehe Familie und ansässig in einem der wohlhabendsten Stadtteile Frankfurts, erfährt, dass Meona ihre Vorbereitung auf das Stipendium vernachlässigt um sich mit Laurice trifft, stellen diese sie vor ein Ultima-tum.
Meonas Mutter schimpft beim Abendessen:"Wir ackern uns nicht ab, damit du dich mit diesem Möchtegernshakespeare treffen kannst, also junge Dame, entweder du studierst jetzt und suchst dir einen anständigen Freund oder du nimmst den nächsten Flieger zu deinem Onkel Sam nach Amerika. Der wird sich schon um dich kümmern."
Auf diese Aussagen reagiert Meona nie, sie ist machtlos gegenüber den Worten der Mutter. Stattdessen trifft sie sich mit Laurice um über ihre Gefühle zu reden, dieser versucht sie zu trösten, nimmt die Situation aber weit gelassener als sie hin. "War doch eh von anfang an klar", sagt er nur immer wieder.
Meonas Vater kehrt von der Arbeit zurück und sieht die beiden im Park der Taunus-anlage sitzen. Zornig ruft er Meona ins Auto und schreit sie während des Betretens des Hauses an. Er erzählt der Mutter davon und diese entscheidet kompromisslos, dass Meona 14 Tage später nach Amerika fliegen und erst drei Jahre später zurückkehren wird. Meona bricht in Tränen aus und schreibt Laurice eine SMS über ihr Schicksal.
Bevor sie fliegt, sehen sich beide noch einmal und Laurice verhält sich im Gegensatz zu Meona viel gelassener und dem Schicksal hingegeben.
Laurice kehrt nach der Abreise von Meona wieder zurück in den Laden der Großmutter, er hat eine Ausbildungsstelle in einer Modegalerie gefunden und holt seinen Realschulabschluss nach. Er spricht immernoch auf den Straßen Frankfurts vor, allerdings verliertt er dabei nicht nur Meona, sondern auch die Begeisterung und die Motivation aus den Augen.
Meona studiert in Amerika und verdrängt anfangs ihre Gefühle.
Nach einer Weile machen beide den Eindruck, den Schmerz überwunden zu haben , dennoch liest Meona ständig noch Laurice Abschied- SMS und kommt zu dem Schluss, dass die Welt unfair ist und Leute nur über Kleider, Einfluss auf Politik und finanzielle Werte definiert werden.
"Is nu ma so. Da muss es halt auch so gehen," sagt sie sich und geht zu Bett.