Rede von Raphael Timm
Guten Abend liebe Lehrkräfte, guten Abend Herr Dr. Korger, guten Abend liebe Schüler, Eltern und Freunde.
Schade, dass heute heute ist und nicht gestern. Denn Ihnen und mir wäre in diesem Fall der Anblick dieses deprimierenden Fußballspiels erspart geblieben.
Aber den gestrigen Tag haben wir hinter uns gelassen und heute spielt Italien. Das können wir alle nicht sehen, aber wie wir dank Holland wissen, ist das auch nicht besonders sehenswert.
Das wir heute Abend hier sind hat allerdings noch einen viel wichtigeren Grund. Wir haben es uns es nämlich verdient. 3 Jahre Burg, dass ist das Dschungelcamp der etwas anderen Art. Besonders wenn man die sanitären Einrichtungen betrachtet. Männer werden hier zu richtigen Männern erzogen, indem man sie mehrere Jahre ohne Seife auskommen lässt. Sogar Survival (also Überlebenskampf)-Atmosphäre wurde durch die Schulinspektoren bestätigt. Zitat: "Vereinzelt gehen von den Gebäuden Gefahren bzw. Gefährdungen für Leib und Leben der hier Arbeitenden aus.“.
Aber auch der härteste Mann wird weich, wenn es um die Abiturprüfungen geht. Ich persönlich habe mir durch diese drei bis vierstündige Massenkäfighaltung meinen 1,0er Schnitt versaut. Ne war Spaß. Drei Jahre lang wurdest du jeden Tag mit Kram wie „homogenen und inhomogenen Gleichungssystemen“, „Proteinbiosynthese“ und der „Determinationsfrage Woyzecks“ belästigt und du dachtest: Wozu? Und dann, an diesem einen Tag, fühlst du dich wie das eifrige Legehuhn das eine runde Sache abliefern soll und du stellst fest, du steckst knöcheltief in der Scheiße.
Nichts destotrotz haben wir viel gelernt und sind gut aufs kommende Leben vorbereitet. Mit einer lockeren Einstellung und ein bisschen Nervenkitzel. Und gerade das macht doch die Burg aus. Gemütliches Ambiente, kollegiale Mitschüler und menschliche Lehrer. Denn erst die Oberstufe erlaubt den Sprung aus der Pubertätsschublade hin zum Schüler auf Augenhöhe. Apropos Auge, das sollte auch gelegentlich mal zugedrückt werden und wenn es nur deshalb, weil einem wiedermal der Putz des Feldwebelbaus ins Gesicht bröckelt.
Also ich für meinen Teil habe in meiner Schulzeit selten so viel lachen können und das finde ich wichtig. Dass der Unterricht trotzdem etwas gebracht hat, können Sie an den Gesichtern der erfolgreichen, jungen, gut aussehenden, talentierten Menschen sehen, die heute Abend hier sitzen.
Das Besondere an der Burg: Fast erwachsene 5. Klässler stolpern desorientiert über den Schulhof. Mit dem einzigen Unterschied, dass diese vermeintlichen 5. Klässler schon die 11. Klasse besuchen. 5. Klässler deshalb, weil sie belämmerte Fragen stellen, wie zum Beispiel: Wer oder Wo istn der F-Bau? Warum parkt denn ihr da auf dem Finanzamtparkplatz? Wo istn das Klo und warum sind da zwei Herrentoiletten nebeneinander? Zum Glück haben wir dieses Stadium überwunden. Aus unselbstständigen elftklässlern wurden mündige Abiturienten, die wissen, was sie wollen. Oder auch nicht, denn nach der 11 dachte ich: Jetzt lernste, denn das zählt fürs Abi. Nach der 12 dachte ich: Jetzt lernste wirklich, jetzt kommt nämlich bald das Abi. Vor den Prüfungen dachte ich dann: Einmal richtig lernen muss schon sein. Heute denke ich: Junge, warum hast du nichts gelernt.
Betrachtet man die Zeit, die hinter uns liegt melancholisch, dann verlaufen sich jetzt viele Kontakte und spätestens ab morgen sehen wir unsere lehrenden Vorbilder wahrscheinlich für sehr lange Zeit nicht mehr.
Betrachtet man das ganze sachlich, ist Schule wahrscheinlich nur für Lehrer noch schlimmer als für Schüler. Und trotzdem hat fast jeder Schüler mal gehört: „Die Schulzeit ist die schönste Zeit im Leben.“
Abwarten sag ich da. Sicher: Das Leben ist kein Ponyhof, Studium ist kein Zuckerschlecken und Arbeiten ist so schrecklich, dass man sogar Geld dafür kriegt.
Man sagt: Auf der Lioba kannst du dir dein Abi kaufen, auf der Burg bekommst du es geschenkt. Bereut hab ich es nicht, und Herr Dr. Korger: vergessen Sie bitte die Schleife nicht! Als das Kultusministerium von dieser Ungleichheit Wind bekam, hat es prompt das Zentralabitur eingeführt. Die Folgen lagen auf der Hand: Dieses Mal verfielen nicht nur Abiturienten in Panik. Nein, auch die Lehrer stellten sich die Frage: „Lernen beziehungsweise lehren wir das Richtige?“ Fürs Abitur hat es auf jeden Fall gereicht, jetzt kann das wahre Leben kommen. Dazu ein Zitat von Horst Evers. „ (..) Ich mußte immer wieder an des Schülers Klage denken, daß der Algebraunterricht für sein späteres Leben völlig sinnlos sei. Ich glaube er irrt sich. Auch ich empfand damals speziell diese Kurvendiskussionen als völlig sinnlose Tierchenquälerei. Daß das Lesen von Büchern im Deutschunterricht oder erst recht Fremdsprachen fürs spätere Leben noch irgendwo sinnvoll sein könnten, war ja noch einzusehen. Aber dies Algebrazeugs. Warum?
Tatsächlich hab ich’s bis heute nie wieder gebraucht. Und dennoch: Es mußte gemacht werden, weil: Nach mittlerweile über 15 Jahren Leben nach der Schule ist es ganz erstaunlich, wieviel sinnloses Zeug ich bei diesem Rumgelebe gemacht habe, auch machen mußte. Lauter sinnloses Zeug, an dem ich fast verzweifelt, ja zugrunde gegangen wäre.
Wenn mich da die Schule und insbesondere Kurvendiskussionen nicht so perfekt auf die Anforderungen des späteren Lebens vorbereitet hätten, nämlich: sinnloses Zeug zu machen, das zu akzeptieren und durchzustehen. Wer weiß, was aus mir geworden wäre?“
Aus Horst Evers ist übrigens ein erfolgreicher Comedian geworden. Er hat aus der Schule etwas mitgenommen. Ich bin davon überzeugt, dass es kaum jemandem hier besonders schwer fallen wird positive Erfahrungen aus der Schulzeit an der Burg mitzunehmen. Anders als den C-Promis im Dschungelcamp hat man uns die Möglichkeit geboten intellektuell und charakterlich zu wachsen. Der Vollständigkeit halber bleibt mir zu sagen: Die Seifenspender auf der Herrentoilette sind seit ca. 6 Monaten wieder befüllt und auch die Unterrichtsbedingungen werden spätestens nach der Fertigstellung von Neubau und Renovierung nicht mehr lebensgefährlich sein.
Abschließend möchte ich mich bei der Schulleitung, die sich immer nah an den Interessen und Bedürfnissen der Schüler bewegt, bei den Lehrern, die sich stets und besonders in der Prüfungsvorbereitung für ihre Schüler engagiert haben und bei dem Finanzamt Friedberg bedanken, dessen Parkplatzangebot wir immer gerne genutzt haben.
Vielen Dank für eure Aufmerksamkeit.