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Abiturrede von Herrn Schönewolf

Liebe Abiturientinnen und Abiturienten, liebe Eltern, Herr Dr. Korger,  liebe Kolleginnen und Kollegen,  liebe Frau Stein, lieber Günther,

Zunächst möchte ich mich dafür bedanken, dass man mir diese ehrenvolle Aufgabe, heute Abend hier die diesjährige Abiturrede zu halten, angetragen hat.

Ich soll hier komprimieren, nämlich meine Rede, ohne mich zu kompromittieren, was auf den ersten Blick gar nicht so einfach erscheint.

Nun, ich möchte zunächst mit einer Sache beginnen, die mir besonders am Herzen liegt.

Und ich wende mich an Sie, die Abiturientinnen und Abiturienten, und besonders an ihre Eltern.

Wir als Lehrer wissen, was wir im Verlauf von drei Jahren ihren Töchtern und Söhnen abverlangen bzw.  im Rahmen der bestehenden Regelungen abverlangen müssen. Das ist in der Summe erheblich und verdient Beachtung. Und, um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Das ist gut so.

Dass wir dennoch während dieser Zeit mit Lob relativ sparsam umgehen, hat seinen Grund darin, dass wir bis zum Schluss eine gewisse Spannung und damit auch ein hohes Maß an Konzentration aufrechterhalten müssen.

Gerade eine gymnasiale Oberstufe ist auf die Mitarbeit ihrer Schüler angewiesen. Trotz der unterschiedlichen Rollen als Lehrer und Schüler, die wir einnehmen bzw. eingenommen haben, wäre eine Oberstufe ohne diese Mitarbeit undenkbar.

Auch wenn man in Betracht zieht, dass Sie in erster Linie für sich gelernt haben, so darf ich Ihnen für das Geleistete dennoch danken und Ihnen nicht nur im Namen aller Tutoren, sondern des gesamten Kollegiums für das erreichte Ziel unsere Anerkennung und unsere Glückwünsche aussprechen.

Sie haben mit diesem Schritt für sich gesorgt, d.h. für sich selbst Sorge getragen. Das ist etwas, das wir wie-der lernen müssen. Die Staaten haben sich verschuldet und verweisen auf zukünftige Generationen, die klima-globale Entwicklung nimmt bedrohliche Formen an, deren Ausmaß niemand anders tragen muss als zukünftige Generationen. Wenn wir die Gesellschaft lediglich nur noch unter ökonomischen Faktoren, wie Wachstum und Konsum, hinter dem sich das dubiose Wort von der „Spaßgesellschaft“ verbirgt, beurteilen, dann bereitet sich die Menschheit einen Zukunftscocktail, von dem zu trinken man niemandem  wünschen kann.

Darum geht auch meine Bitte an Sie, weiterhin Sorge zu tragen – für sich und andere.

Das Abitur kann in seinem Wert kaum überschätzt werden. Man zehrt ein Leben lang davon, wenn man den rechten Gebrauch davon macht. Der Mediziner wäre nicht Mediziner, der Anwalt nicht Anwalt, der Lehrer nicht Lehrer ohne das Abitur.

Jetzt, da Sie die Sache erfolgreich hinter sich gebracht haben, können Sie der Schule etwas gelassener gege-nüberstehen.

„We don’t need no education. Teacher, leave the kids alone.“

Ich nehme mal an, dass der alte Pink-Floyd-Titel eher den Eltern noch im Ohr klingt als Ihnen, den heutigen Abiturienten.

Die faszinierende Musik dieses Stückes ist leider nicht Gegenstand dieser Überlegungen, sondern ausschließlich seine Textzeilen.

Sie müssen provokativ gemeint gewesen sein, denn wenn man Kinder alleine lässt, werden sie nicht erwachsen im Sinne von Mündigkeit.

Dezent vernimmt man Kant im Hintergrund.

Der Leiter für „Kulturelle Entwicklung“ im Centre Georges Pompidou in Paris, Bernard Stiegler,  hat in einer Veröffentlichung aus diesem Jahr auf die Verantwortlichkeit der jeweils älteren Generation für die jüngere hingewiesen. Er nennt dies die „Logik der Sorge“.

Die Erwachsenen tragen die Verantwortlichkeit für den Sozialisationsprozess der Jüngeren, und die Schule stellt diese Verantwortlichkeit geradezu institutionalisiert dar.

Verweigern die Älteren möglicherweise diese Verantwortlichkeit im Sinne einer Gleichstellung von Kind, Jugendlichem und Erwachsenem, so hat dies eben nicht zur Folge eine Aufwertung und Demokratisierung von Kindheit und Jugend, sondern eine Infantilisierung der Erwachsenen, sprich: der Gesellschaft.

Im Kanon der Subsysteme hat die Schule innerhalb der Erziehung ihren Platz.

Die Schule muss der  Transformation der Kommunikations-, Wissens- und Energietechnologien Rechnung tragen, und sie kommt dieser Verpflichtung auch nach.

Aber es gilt auch die normative Priorität der Werte im Auge zu behalten, die die Schule als gesellschaftliche Institution vertritt. Die Konturen einer Schule sollten selbst in Zeiten postindustrieller Veränderungen von den Werten des Humanismus und der Aufklärung bestimmt bleiben.

Die Schule vertritt nicht nur ein kulturelles Erbe unter den Bedingungen techno-logischer Reflexion, sie vermittelt es auch.

Eine Gesellschaft, die sich von ihrem kulturellen Erbe zu lösen versucht, verliert nicht nur ihre Wurzeln, sie wird auch flach.

Hier muss die Schule sich auch auf ihre mittel- und langfristigen Aufgaben besinnen und in scheinbar stürmischen Zeiten – welche Zeiten hätten das  nicht für sich reklamiert!? – ruhig und zielbewusst voranschreiten.

In der französischen Sprache, die mir ja bekanntermaßen sehr am Herzen liegt wie das Land und seine Kultur selbst, gibt es eine Metapher: „Ça, c’est la galère.“

Wir würden in unserer Übersetzung eher der englischen Tretmühle den Vorzug geben, in etwa also soll das bedeuten: „Das ist eine wahre Tretmühle, eine verteufelt schwierige Angelegenheit.“

Nun hoffe ich, dass das Abitur – bei aller Mühe – keine Tretmühle für Sie war.

Lassen Sie mich dennoch bei der französischen Galeere bleiben, und stellen Sie sich zum Abschluss unsere Schule einmal als solch ein mittelalterlich anmutendes Schiff vor.

Wie würde das aussehen?

Auf beiden Seiten übereinander befänden sichjeweils drei Ruderbänke für die Sklaven, von denen Sie mit sicherem Instinkt vermuten, dass sie die Schüler darstellen sollen.

Ganz unten rudern die Elfer: Alles noch ungeordnet. Das reinste Chaos.

Kein Rhythmus, stattdessen zerschlagen sie sich die Ruder gegenseitig. Hier muss noch der eine oder andere das Schiff über die Planke verlassen. Das ist nun mal so.

In der mittleren Ebene sitzen die Zwölfer. Sie leisten die Hauptarbeit. Sie bringen das Schiff und sich mit kräftigen Schlägen in den Wellen gut voran.

Ganz oben, nahe dem blauen Himmel und fast schon an der Sonne: die Dreizehner. Das kommt Ihnen bekannt vor. Sie sind kaum noch angekettet, und manch einer rudert schon lange nicht mehr ernsthaft und tut nur noch so.

Natürlich haben wir auch einen Schiffszimmermann namens Langer, der die faulen Planken unablässig ausbessert, freilich niemals ohne einen kräftigen Fluch.

Frau Stein müsste das Logbuch führen.

Die sich da hinten auf dem Achterdeck tummeln, das ist der Käpten mit seinen Offizieren. Sie wirken zuweilen etwas gelangweilt.

Und ich? Ja, ich würde vielleicht auf einem Holzpflock unbarmherzig den Takt für die rudernden Schülersklaven schlagen.

Aber jetzt, wo mir schon im Spiegel das Alter entgegenschaut, sind meine Arme etwas müde, und der Takt ist langsamer geworden.

Und ich höre schon einen Schüler zum anderen sagen: „Sieh mal an, der alte Schönewolf. Auf seine alten Tage wird der richtig human.“

Und in der Tat vollzieht sich etwas Seltsames. Nachdem mir in meinem Leben so oft Freundlichkeit als Schwäche missdeutet wurde (im Übrigen gehen die Meinungen auseinander, wie oft und ob überhaupt das tatsächlich  der Fall gewesen sein kann!), wird mir nun – und das hat etwas Rührendes – zum ersten Mal Schwäche als Freundlichkeit ausgelegt.

Sie verlassen unser Schiff heute Abend endgültig. Sie werden auf anderen Schiffen, die da u.a. Universität heißen, anheuern. Der oder die andere werden vielleicht noch einen kleinen Landurlaub einlegen, um sich von den Strapazen zu erholen. Das sei Ihnen gegönnt.

Wenn Sie dennoch auf dem Ozean des Lebens einmal unserer Schulgeleere begegnen sollten und sich der Bug etwas deutlicher als gewöhnlich aus den Wellen hebt, dann wissen Sie, dass noch immer unser alter Käpten von achtern her das Schiff befehligt.

Feuern Sie nicht gleich eine Breitseite auf uns ab.

Hissen Sie lieber eine Flagge: es muss ja nicht gleich der Jolly Roger, die Piratenflagge, sein. Hissen Sie vielleicht einen Grußwimpel oder winken Sie ganz einfach.

Machen Sie’s gut, viel Glück.