Zeitzeuge
Abgetaucht – Der Zeitzeuge Eugen Herman-Friede berichtet im Burggymnasium über seinen Widerstand im NS-Staat
Ein Zeitzeuge, der am Burggymnasium in Friedberg Schülern die Geschichte näher bringt.
„Geschichte muss man erleben, um sie zu verstehen“ heißt es bei vielen Lehrern.
Wie so etwas aussieht, davon überzeugten sich 40 Schüler der 12. und 13. Jahrgangsstufe des Burggymnasiums Friedberg. Im April besuchte Eugen Herman-Friede, Jahrgang 1926, die Schule, der als Jude im NS-Staat überlebte und Widertand leistete. Seine Erinnerungen hat er aufgeschrieben. Eingeladen hatten ihn die Geschichtslehrer Anja Knobloch-Neisel, Thorsten Brennemann und Thorsten Weida.
Es ist still im Klassenzimmer, als Eugen Herman-Friede die Stimme hebt und zu lesen beginnt. Seine Erinnerungen finden sich in dem 2004 veröffentlichten Buch „Abgetaucht! Als U-Boot im Widerstand“. Die Schüler lauschen gespannt seinen Worten, welche von Gefühlen der Traurigkeit, aber auch Gefühlen der Hoffnung erfüllt sind.
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1933, kurz nach Hitlers Machtantritt, beginnt die Hetze gegen Juden. An den Geschäften hängen Plakate. Darauf steht in steiler Schrift: „Wer bei Juden kauft, ist ein Verräter“.
Eugen Herman-Friede interessiert das noch nicht. Er ist jung, will sogar in die Hitler-Jugend eintreten. Doch das verbieten ihm seine Eltern und zwar aus einem wichtigen Grund: Eugen Herman-Friede ist Jude, auch seine Mutter ist Jüdin. Sie hat sich nach Eugens Geburt von seinem leiblichen Vater scheiden lassen und Eugens nichtjüdischen Stiefvater Julius Friede geheiratet. Da seine Mutter und sein Stiefvater ihn schützen wollen, geben sie bei den Nazis an, Eugen sei „Halbjude“. Ein Vaterschaftstest ergibt kein Ergebnis und somit gilt Eugen Herman-Friede weiterhin als „Volljude“.
Die Diskriminierung nimmt auch in der Schule zu. In Religion bekommt er keine Note mehr, dafür steht im Zeugnis „nicht arisch“.
Ostern 1937 will Eugen die Schule wechseln. Am liebsten würde er auf ein Berliner Gymnasium gehen. Doch das ist nicht mehr möglich. Eugen muss auf eine jüdische Mittelschule gehen. Der Wechsel lässt sich gut an. Mit den Mitschülern versteht Eugen sich gut. Und bald darauf kommt in seine Klasse ein Mädchen. Sie heißt Helga und Eugen verliebt sich in sie.
Am 1. September 1941verabschieden die Nationalsozialisten eine Verordnung, welche besagt, dass jeder Jude, der über 6 Jahre alt sei, einen „Judenstern“ tragen müsse. Eugen trägt nun auch einen. Er versucht nicht, ihn zu verstecken oder zu verdecken. Das führt dazu, dass sich die Diskriminierungen gegen ihn noch steigern. Doch Eugen erfährt auch hoffnungsvolle Momente durch aufmunternde Worte oder zugesteckte Butterbrote.
Gerüchte werden laut. Angeblich sollen die Juden deportiert werden. Kurz darauf muss Eugen, nun 16 Jahre alt, abtauchen. Auf dem Weg zur Arbeit hält ihn ein Gestapobeamter an. Er schikaniert ihn, schreibt sich seinen Namen und seine Berliner Adresse auf. Eugen kann nicht mehr nach Hause. Er muss irgendwo Unterschlupf finden. Berliner Juden, die zu dieser Zeit abtauchen, nennen sich „U-Boote“. Für die Familien, die „U-Boote“ wie Eugen verstecken, besteht eine große Gefahr. So wird Eugen weitergereicht, bis er in Luckenwalde bleiben kann. Dort wohnt Familie Winkler, die Eugen aufnimmt. Die Familie leistet Widerstand. Sie versteckt nicht nur Eugen, sondern wird auch Teil der Widerstandsgruppe, die sich „Gemeinschaft für Frieden und Aufbau“ nennt. Geleitet wird sie von Familienoberhaupt Hans Winkler und Werner Scharff, dem es gelang aus dem NS-Konzentrationslager Theresienstadt zu fliehen. Eugen und seine Eltern, sie sind nun auch abgetaucht, schließen sich der Gruppe an.
Die aus jüdischen und nichtjüdischen Mitgliedern bestehende Widerstandsgruppe schreibt und verteilt Flugblätter gegen das NS-Regime. Das geht gut bis Ende 1944. Die Gestapo spürt die Gruppe auf und verhaftet die meisten Mitglieder, darunter Eugen Herman-Friede und seine Eltern. Sie kommen ins Gefängnis. Ein paar Tage vor Kriegsende holt ein SS-Mann Eugen aus dem Gefängniskeller und lässt ihn laufen.
Eugen hat Glück gehabt. Die Schüler wollen wissen, weshalb er nicht deportiert worden sei. Eugen Herman-Friede vermutet, dass die NS-Justiz ihn als Zeugen gegen die nichtjüdischen Mitglieder seiner ehemaligen Widerstandgruppe habe vernehmen wollen und auch das Chaos der letzten Kriegstage in Berlin dafür verantwortlich gewesen sein könnte.
Was geschah aber mit Eugens Familienangehörigen, seinen Freunden und denjenigen, die ihn versteckt hatten? Diese Frage beschäftigt die Schüler in der Gesprächsrunde sehr. Eugens Mutter wird 1945 aus Theresienstadt befreit, sein Stiefvater Julius Friede hat während seiner Haft Selbstmord begangen. Helga, Eugens Freundin, wird mit ihrer Mutter in Auschwitz-Birkenau ermordet. Werner Scharff bringen die Nazis im Konzentrationslager Sachsenhausen kurz vor Kriegsende 1945 um. Hans Winkler und die meisten anderen inhaftierten Mitglieder der Widerstandsgruppe überleben.
Das Schülerinteresse war sehr groß gewesen. So wird Schulleiter Dr. Lothar Korger bestimmt Eugen Herman-Friede wieder an die Burg einladen.
Friederike Büchner / Presse AG
Burggymnasiums Friedberg.
